Lebensraum verstehen, ohne Verbreitung zu unterstellen
Termiten haben keine einheitliche Lebensweise, die sich unverändert auf deutsche Gebäude übertragen lässt. Manche Gruppen leben innerhalb ihrer hölzernen Nahrungsquelle, andere nutzen räumlich getrennte Nist- und Nahrungsbereiche. Internationale Forschung beschreibt zudem Ernährungsweisen, die weit über den Verzehr von Holz hinausgehen. Für Deutschland ist deshalb entscheidend, allgemeine Termitenbiologie von einem tatsächlich dokumentierten örtlichen Vorkommen zu trennen.
Der Forschungsreport von Uwe Noldt aus dem Jahr 2000 behandelt einen besonderen Hamburger Reticulitermes-Befund sowie einzelne Einschleppungen von Trockenholztermiten. Diese historische Darstellung ist weder eine aktuelle Bestandsaufnahme Hamburgs noch ein Nachweis dafür, dass Termiten gewöhnlich in deutschen Wohnhäusern leben.
Die Kolonie als gemeinsamer Lebensverband
Termiten gehören zu den sozial lebenden Insekten innerhalb der Schabenverwandtschaft. Ihr Zusammenleben umfasst Fortpflanzung, Versorgung des Nachwuchses und weitere Aufgaben innerhalb einer Kolonie. Der Ausdruck „Kolonie“ bezeichnet dabei einen organisierten Lebensverband, nicht einfach mehrere zufällig am selben Ort auftretende Tiere.
Christine Nalepas begutachtete Übersichtsarbeit von 2015 untersucht die evolutionären Zusammenhänge zwischen Sozialverhalten, Ernährung und Mikroorganismen. Sie beschreibt, wie die Weitergabe von Nahrung zwischen Koloniemitgliedern auch mit der Weitergabe wichtiger Darmorganismen verbunden sein kann. Das ist insbesondere für die von ihr behandelten holzbewohnenden Entwicklungslinien bedeutsam. Die Arbeit erklärt biologische Zusammenhänge anhand internationaler Forschung; sie erfasst keine deutschen Gebäudebestände.
Wenn Nahrung und Unterkunft zusammenfallen
Bei bestimmten holzbewohnenden Termiten bildet dasselbe Holzstück sowohl den Aufenthaltsraum als auch die Nahrungsgrundlage. Nalepa beschreibt diese Lebensweise unter anderem für Vertreter der Kalotermitidae. Als Beispiel nennt sie Cryptotermes-Arten, die vergleichsweise trockenes Holz nutzen können, etwa abgestorbene Äste. Andere behandelte Gruppen sind dagegen an feuchteres, bereits zersetztes Holz gebunden.
Damit ist „holzbewohnend“ noch keine vollständige Habitatbeschreibung. Feuchtigkeit, Beschaffenheit des Holzes und die jeweilige Termitengruppe gehören zusammen. Aus dem Wort Trockenholztermite lässt sich ebenso wenig ein allgemeines Verhalten aller Termiten ableiten wie aus einem internationalen Beispiel eine typische Situation in deutschen Häusern.
Nahrungssuche ist nicht überall gleich
Die Übersichtsarbeit „Termite evolution: mutualistic associations, key innovations, and the rise of Termitidae“ von 2021 beschreibt die evolutionäre Vielfalt der Ernährung. Neben Holz gibt es innerhalb der Termiten auch auf andere pflanzliche beziehungsweise organische Substrate spezialisierte Gruppen. Die Autoren behandeln außerdem unterschiedliche Beziehungen zu Mikroorganismen, die bei der Nahrungsverwertung mitwirken. Ein einziges Verdauungsmodell passt daher nicht zu sämtlichen Termiten.
Auch die räumliche Organisation unterscheidet sich: Wenn Unterkunft und Nahrung zusammenfallen, bedeutet Nahrungserwerb etwas anderes als bei Arten, deren Koloniemitglieder zusätzliche Nahrungsstellen erschließen. Daraus lässt sich kein allgemeiner Suchradius ableiten. Ebenso wäre es falsch, für Termiten insgesamt einen festen täglichen Aktivitätsplan oder eine bestimmte Entfernung zwischen Nest und Nahrung anzunehmen.
Die ökologische Übersicht von David Bignell aus dem Jahr 2019 ordnet solche Unterschiede vor allem im Rahmen tropischer und subtropischer Ökosysteme ein. Sie behandelt Termiten als Beteiligte an Zersetzung und Bodenprozessen, betont aber auch die Komplexität örtlicher Lebensgemeinschaften. Diese Aussagen erklären ökologische Funktionen in den untersuchten Landschaften; sie belegen keine entsprechende Rolle in einem konkreten deutschen Garten.
Hamburg: ein historischer Sonderfall mit besonderem Mikroklima
Noldt berichtete 2000 über eingeschleppte Reticulitermes im Umfeld des Hamburger Justizforums. Als wesentlichen örtlichen Zusammenhang beschrieb er ein unterirdisches Fernwärmesystem und angeschlossene Gebäude, die den Tieren während der Wintermonate Rückzugsmöglichkeiten boten. Das Beispiel zeigt, wie menschliche Infrastruktur die Bedingungen eines eng begrenzten Lebensraums verändern kann.
Die damalige Veröffentlichung bezeichnete die Tiere als Reticulitermes flavipes. Diese historische Artangabe wird hier nicht als heutige taxonomische Neubestätigung übernommen. Auch die damalige Beschreibung des Vorkommens erlaubt keine Aussage darüber, welche Bereiche heute besiedelt sind. Insbesondere folgt daraus nicht, dass jedes beheizte Gebäude einen vergleichbaren Lebensraum bietet.
Ein eingeschlepptes Holzstück ist ein anderer Kontext
Im selben Bericht erwähnt Noldt mehrere bekannt gewordene Fälle mit Trockenholztermiten im Zusammenhang mit eingeführtem Holz beziehungsweise Holzgegenständen. Diese Einzelfälle sind vom Hamburger Ortsbefund zu unterscheiden. Ein Tiernachweis in einem eingeführten Gegenstand und eine dokumentierte örtliche Ansiedlung beantworten unterschiedliche Fragen über Lebensraum und Ausbreitung.
Für das Lesen von Fundmeldungen sind deshalb drei Angaben besonders wichtig: Welche Termitengruppe wurde fachlich bestätigt, in welchem Zusammenhang trat sie auf und aus welchem Jahr stammt der Bericht? Fehlen diese Informationen, lässt sich aus der bloßen Ortsangabe „Deutschland“ weder das Verhalten noch die heutige Verbreitung ableiten.
Quellen und Geltungsbereich
- Noldt, Forschungsreport 1/2000: historischer Hamburger Lokalbefund, winterliche Rückzugsräume und einzelne Trockenholztermiten-Einschleppungen.
- Nalepa, 2015: internationale Fachübersicht zu Sozialverhalten und holzgebundener Nestökologie.
- Termite evolution, 2021: internationale Übersicht zur Evolution, Ernährungsvielfalt und Symbiose; keine deutsche Verbreitungserhebung.
- Bignell, 2019: ökologische Forschungsübersicht mit Schwerpunkt auf tropischen und subtropischen Zusammenhängen.
